Rezensionen des Buches „Tansania. Das koloniale Erbe“

Unverzichtbar für alle Interessenten an der deutschen Kolonialgeschichte

Um es kurz zu machen: Dieses Buch ist ein absolutes „Muss“ für alle Tansania-Freunde, die an der Geschichte des Landes und insbesondere an der deutschen Kolonialgeschichte interessiert sind. Und das Buch ist seinen sehr hohen Preis (es wurde im Eigenverlag gedruckt, da sich kein Verleger fand) absolut wert: Denn es ist nicht nur sehr repräsentativ im Hardcover und Großformat aufgemacht, sondern auch angefüllt mit unzähligen historischen Fotos, Ansichtskarten sowie Grundrissen ehemaliger deutscher Kolonialgebäude. Dabei erleichtert die Gegenüberstellung von historischen und aktuellen Aufnahmen (an denen auch der Tansania-Experte Jörg Gabriel mitgewirkt hat) das Entdecken und Verständnis dieser Gebäude vor Ort.

Der in Augsburg lebende Rolf Hasse wurde 1936 geboren und hat viele Jahre in Deutschland und im Ausland als Architekt gearbeitet. Von 1977 – 1980 wirkte er im Rahmen der Entwicklungshilfe als Unterabteilungsleiter im tansanischen Arbeitsministerium (Architects Division) und als Berater des Director of Antiquities im Ministerium für Kultur und Jugend in Daressalam. Mehrere Jahre war Rolf Hasse auch beruflich in Botswana und Simbabwe tätig und hat in Deutschland u.a. mit Roland Günter ein Handbuch gegen Stadtzerstörung publiziert.
In seinem Vorwort legt der Autor Wert auf die Feststellung, dass er mit seinem Werk keinen Anspruch erhebt, eine Analyse historischer Zusammenhänge der deutschen Kolonialzeit vorzulegen. Allerdings ist das Buch weit mehr als lediglich „ein Beitrag zur Denkmalpflege“, wie Hasse bescheiden einschränkt. Bereits die umfangreichen „Daten zur Geschichte Ostafrikas“ dokumentieren eine sorgfältige und wissenschaftliche Recherche, die neben einer umfangreichen Archivarbeit auch einen Austausch mit anerkannten Tansania-Historikern wie Pater Johannes Henschel oder Dr. Heinz Schneppen einschließt.

So erfährt der Leser z.B. nicht nur die genaue Zahl der nachweisbaren Boma-Standorte auf dem Gebiet des heutigen Tansania (nämlich 56), sondern auch eine informative Beschreibung aller ehemaligen 22 deutschen Verwaltungsbezirke.

Freunden der ersten deutschen Kolonial-Hauptstadt Bagamoyo wird bereits im ersten Kapitel eine der bislang besten Zusammenfassungen der Ortsgeschichte angeboten. Auf 27 Seiten werden anschließend ausführlich die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, das Fort, „Liku-Haus“, Zollhafen, Boma, Post, das arabische Teehaus, die deutsche Schule und die Mission vorgestellt – jeweils mit alten (oftmals bislang unbekannten) und neuen Farb- und Schwarzweiß-Fotos, historischen Ansichtskarten und Grundrissen zu jedem einzelnen Gebäude.

Weitere Kapitel widmen sich den folgenden Zentren des deutschen Kolonialismus: Pangani, Tanga, Wilhelmstal (Lushoto), Arusha. Kondoa Irangi, Kidia (mit der ältesten protestantischen Kirche), Dar es Salaam, Iringa, Tabora, Bukoba, Ujiji, Kigoma, Kilimatinde, Utete, Kilwa Kivinje, Mikindani, Langenburg, Tukuya, Matema und Bismarckburg. Ein gesondertes Kapitel beschäftigt sich mit der ehemaligen deutschen Zentralbahn von Dar es Salaam nach Kigoma.

Das bemerkenswerte Buch, bei dem lediglich die vielen Zeichenfehler auf das fehlende Lektorat des vergeblich gesuchten Verlages hinweisen, endet schließlich mit einigen Überlegungen des Autors über eine zeitgemäße Denkmalpflege in Tansania. Dabei wird sowohl das (von wenigen Ausnahmen abgesehene) deutsche Desinteresse an ehemaligen Kolonialbauten beklagt als auch die mangelnden Anstrengungen der Tansanier, die bislang nicht einmal eine landesweite Erfassung der schützenswerten Bausubstanz erstellt haben und selbst im übersichtlichen Dar es Salaam mit ihrer „Einmannabteilung“ mit „einer veralteten und lückenhaften Liste zu schützender Bauten“ hantieren.

Bei der Entscheidung über die Zukunft der deutschen Kolonialgebäude ist nach Meinung von Horst Hasse ein Nutzungskonzept ausschlaggebend: „Zunächst ist die wichtigste Frage, was soll warum erhalten bleiben.“ Und dies, so der Autor, „kann nur von den Tansaniern beantwortet werden“.

Rudolf Blauth, Amazon-Besprechung am 1.1.2012


In seinem Buch „Tansania. Das koloniale Erbe“ unternimmt Rolf Hasse eine systematische Bestandsaufnahm deutscher Kolonialarchitektur im heutigen Tansania.

Die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika war kurz. Sie begann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts und endete nach rund 30 Jahren mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Doch geplant hatte das Deutsche Kaiserreich für die Ewigkeit. Beim Wettlauf um Kolonien in Afrika wollte das Reich seine Position als Großmacht dauerhaft festigen. Dazu tätigte es Investitionen in Übersee in beachtlicher Höhe, so auch im sogenannten Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika. Von den Bemühungen dieser Zeit zeugen heute noch Eisenbahnlinien und zahlreiche deutsche Militär- und Verwaltungsbauten. Im heutigen Tansania besinnt man sich dieses kolonialen Erbes. Angesprochen auf die Monumente des deutschen Kolonialismus, sagte der frühere tansanische Präsident Mwinyi: „Für uns sind diese Gebäude nun Teil unseres nationalen Erbes, Teil unserer Geschichte. Waren Sie nicht auch einmal von den Römern besetzt? Und was machen Sie nun mit dem, was diese zurückgelassen haben?“

Rolf Hasse verknüpft die Beschreibung der Bauten und ihre Entstehungsgeschichte mit historischen Ereignissen. Dies macht die Kolonialgeschichte lebendig und das Buch spannend und leicht lesbar. Sein Interesse als Architekt gilt den Bauten, deren besonderer architektonischer Charakter in der Verbindung von deutschen, afrikanischen und arabischen Elementen liegt. In jahrelanger Fleißarbeit hat er nach historischen Fotos, Grundrisszeichnungen, Aufzeichnungen und Briefen in verstaubten Archiven gesucht, diese ausgewertet und systematisch zusammengestellt. Bisher unveröffentlichte Dokumente sind in Faksimile wiedergegeben. Der Leser ist überrascht, welche enorme Bautätigkeit das Deutsche Kaiserreich in den wenigen Jahren seiner Herrschaft entfaltete. Mit deutscher Gründlichkeit wurde Tanganjika in 22 Verwaltungsbezirke eingeteilt, jeweils mit einer Bezirkshauptstadt und einem Verwaltungs- und Militärgebäude, der sogenannten Boma. Teilweise sind diese Kolonialbauten schon in einem fortgeschrittenen Zustand des Verfalls, andere noch restaurierungsfähig und wiederum andere werden seit ihrer Fertigstellung ohne Unterbrechung wirtschaftlich genutzt. Der Autor hat viele dieser Bauwerke in jüngerer Zeit besucht und ihren jetzigen Zustand fotografisch dokumentiert. So ist dieses Buch eine systematische Bestandsaufnahme deutscher Kolonialarchitektur in Tansania von den Anfängen bis heute. Das gab es bisher noch nicht. Da Tansania als eines der ärmsten Länder dieser Welt eine solche Aufgabe aus eigenen Mitteln nur schwer hätte finanzieren können, liegt darin ein besonderes Verdienst des Autors. Möglicherweise bietet das Buch auch eine Grundlage für eine Diversifizierung des tansanischen Tourismus – neben Tier- und Naturparks auch Angebote für historisch interessierte Menschen. Bleibt nur zu wünschen, dass es dem Autor wie geplant gelingt, eine englischsprachige Ausgabe des Buches herauszugeben und die dazu notwendigen Mittel aufzubringen.

Auf dem Buchumschlag abgebildet ist das Ocean Road Hospital, Wirkungsstätte des Tropenmediziners und Nobelpreisträgers Robert Koch. Es wurde mit Zuschüssen der deutsche Bundesregierung grunderneuert und bildet heute eine Zierde arabisch-deutscher Architektur an der Hafeneinfahrt von Dar es Salaam.

Helmut Zell, Afrika Post 01/2006, Seite 63

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