Tansania. Das koloniale Erbe

Rolf Hasse: Tansania. Das koloniale Erbe. DIN A 4 Querformat, 207 Seiten, 80 Farbfotografien , 255 schwarz-weiß Fotos, 59 grafische Darstellungen. Selbstverlag, Augsburg 2005, ISBN: 3-00-016593-2 (Dieses Buch ist vergriffen und liegt nur in verkleinerter Form als Faksimile-PDF-Datei vor. Siehe Link „Bestellen“ in der Fußzeile)

Einführung des Autors

Besucht man in Europa ein denkmalgeschütztes Gebäude, dann weiß man fast immer, wann es erbaut wurde, wofür es genutzt wurde und wer wann darin gewohnt bzw. gearbeitet hat. Weiß man es nicht schon vorher, so wird man spätestens bei seinem Besuch darüber aufgeklärt.

In der Erarbeitung solcherart Informationen über die Geschichte des Gebäudes steckt in aller Regel viel Arbeit. Aber auch wenn das Endergebnis lückenhaft bleibt, immer verbinden sich konkrete historische Ereignisse oder/und Personen mit dem Gebäude. So wird Geschichte sichtbar und anfassbar.

Boma in Arusha

Wie ist das nun in einem jungen Staat, einer ehemaligen Kolonie. Zunächst, die ehemaligen Kolonialherren sind abgezogen, zurückgelassen haben sie historische Gebäude, die aber noch in Benutzung sind und um deren Geschichte sich niemand kümmert, einfach weil die Menschen ganz andere Sorgen haben und im Übrigen ist es ja noch fast Gegenwart.

So war es auch in Tansania. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1961 gab es Gebäude aus drei Epochen, der arabischen, der deutschen und der britischen. Das erste Gesetz zum Schutze des antiken nationalen Erbes befasste sich ausschließlich mit den archäologischen Stätten und wurde Ende der sechziger Jahre schnellstens um den Schutz der alten geschnitzten sog. „SansibarTüren“ erweitert, nachdem man feststellen musste, dass Amerikaner diese aufkauften und reihenweise ausbauen ließen. Ende der siebziger Jahre wurden dann schon Gebäude der arabischen Periode abgerissen und davon gab es ohnehin nicht mehr viele. Bald standen auch Gebäude der deutschen Kolonialzeit zur Disposition. Zunächst waren es sehr einige Menschen, die das störte. Aber sie waren zumindest in dem Sinne erfolgreich, dass sie darauf aufmerksam machten, dass hier kulturelles Erbe vernichtet wurde. Als Berater des Director of Antiquities war ich in diesen Prozess eingebunden und stellte schnell fest, dass Wissen um die einzelnen  Gebäude kaum vorhanden war. Ich erinnere mich daran, wie das Wohnhaus in dem Robert Koch seine Zeit in Dar-Es-Salaam verbracht hatte, abgebrochen wurde, ohne dass man um diese Tatsache wusste.

Dodoma Hotel

Seit damals hatte ich die Absicht die Geschichte historischer Gebäude in Tansania zu recherchieren und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Es zeigte sich einfach, dass die Sprachbarriere für die Tansanier ein großes Hindernis in den Archiven war. Als ich schließlich Ende der neunziger Jahre wieder in Tansania war, konnte ich zwar erfahren, dass das allgemeine Bewusstsein für den historischen Wert bestimmter Gebäude gestiegen war, aber auch, das Wissen um die Stellung dieser Bauten in der Geschichte nach wie vor kaum vorhanden ist.

Als ich mich schließlich an die Arbeit machte, hatte ich noch die Vorstellung, ich könnte alle wesentlichen Orte, die in der Geschichte eine Rolle gespielt haben, besuchen und die noch vorhandenen Gebäude historischen Ereignissen zuordnen. Wie naiv das war, sollte sich schnell herausstellen. Allerdings muss ich gestehen, den Informationswert der einschlägigen Archive für dieses Gebiet weit überschätzt zu haben. Oft verstecken sich Hinweise auf ein bestimmtes Gebäude in der Literatur in Nebensätzen. Die Informationen interessierter Einheimischer erwiesen sich gelegentlich als falsch, da die Ereignisse an die sie sich erinnerten in die britische Periode gehörten und es vielen Gebäuden nicht anzusehen ist, ob sie deutschen oder britischen Ursprungs sind. Dass ich nicht der Einzige bin, der diese Schwierigkeiten hatte, erfuhr ich durch Pater Johann Henschel, der sich Jahre nur mit der Erforschung von Bagamoyo beschäftigt hat und noch immer Lücken füllt.

Bahnhof in Kigoma, Central Line

In dem vorliegenden Buch befasse ich mich zwar unumgänglich mit der Geschichte der Deutschen in Ostafrika, ich möchte es aber als einen Beitrag zur Denkmalpflege verstanden wissen. Es ist auf keinen Fall als Analyse historischer Zusammenhänger der deutschen Kolonialzeit angelegt. Diese Arbeit ist längst von Fachleuten des In- und Auslands geleistet worden. Wer das vermisst, den verweise ich auf die Liste der allgemeinen Quellen am Ende des Buches. Ich habe lediglich einige Daten zur Geschichte Ostafrikas zusammengestellt, um einen Rahmen für die einzelnen Kapitel abzustecken.